Stuttgart, Forum der Kulturen, April 2011, Angelika Brunke-interview mit Adnan Yildiz



„Ich verstehe meine Arbeit als Forschung“


Seit Januar 2011 hat das Künstlerhaus Stuttgart einen neuen Leiter: Adnan Yildiz. Der 31-jährige Türke hat seine Arbeit mit einer international besetzten Gruppenausstellung mit dem Titel „Echt?“ begonnen. Für die kommenden vier Jahre hat er spannende Pläne.


Angelika Brunke: Für einen Kurator haben Sie einen ungewöhnlichen Werdegang. Sie haben in Istanbul zunächst Psychologie studiert. Wie kamen Sie von der Psychologie zur Kunst?

Adnan Yildiz: Eins vorweg: Ich hatte nie vor, Psychologe zu werden, sondern habe das Fach gewählt, weil ich als Autor arbeiten wollte. Ich hoffte, auf diese Weise mehr über Charaktere zu erfahren. Während des Studiums habe ich mich deshalb mit Wahrnehmung, Lernen und Psychoanalyse beschäftigt. Dabei hat mich eine Frage nicht losgelassen: Welches Verhältnis haben wir zu Bildern? Von diesem Punkt aus war es nur ein Schritt zur bildenden Kunst.


AB: Sie haben später in Stockholm eine Kuratorenausbildung absolviert. Haben Sie die Schriftstellerei damit an den Nagel gehängt?

AY: Ich habe eine andere Form des Schreibens entdeckt: Ich schreibe mit Bildern. Anders gesagt: Meine Ausstellungen erzählen Geschichten. Aber ich schreibe nicht nur in diesem übertragenen Sinne, sondern auch ganz konkret: Das gehört zur Arbeit eines Kurators einfach dazu.


AB: In der Kunstszene sprechen normalerweise alle Englisch. Sie haben sich das Ziel gesetzt, bis Juni Deutsch zu lernen. Was motiviert Sie dazu?

AY: Ich werde in den nächsten Jahren in Stuttgart leben und will in dieser Zeit für das Künstlerhaus ein künstlerisches Programm ausarbeiten. Da liegt es nahe, dass ich Deutsch lerne. Schließlich will ich ja am sozialen Austausch teilhaben. Ich habe vor, öffentliche Diskussionen in Gang zu bringen, möchte Teil der Künstler-Community werden und dort sein, wo Leute kritisch denken. All das kann ich nur erreichen, indem ich Deutsch lerne.


AB: Wie verstehen Sie Ihre Aufgabe als Kurator?

AY: Ich verstehe meine kuratorische Arbeit als Forschung. Gegenstand meiner Forschung ist das Publikum, beziehungsweise die sich wandelnde Bedeutung des Betrachters in der zeitgenössischen Kunst. Mich interessieren die Vorstellungen und Idealbilder einer Gesellschaft und das kollektive Unbewusste.


AB: Mit welchen Zielen treten Sie Ihre Stelle als Leiter des Künstlerhauses an?

AY: Das Programm selbst ist eine Art Laboratorium, in dem ich mit den Ausstellungen, aber auch mit der Institution selbst experimentiere. Ich möchte gerne eine jüngere und in ihrem sozialen und kulturellen Hintergrund gemischte Zielgruppe ansprechen. Im Haus sind etliche Künstlerateliers untergebracht und es finden Kunstkurse statt – beides möchte ich gerne ins Ausstellungsprogramm einbinden.


AB: Was verstehen Sie unter „Experiment“?

AY: Wenn Du Dich selbst nicht überraschen kannst, kannst Du auch die Besucher nicht überraschen. Experimentieren bedeutet für mich, mit den Erwartungen und dem Unerwartbaren zu spielen.


AB: Haben Sie als neuer Leiter etwas an den Strukturen des Hauses verändert?

AY: Ja. Eine meiner ersten Aktionen bestand darin, dass ich das Eintrittsgeld abgeschafft habe. Die Ausstellungen sind nun alle kostenlos. Derzeit versuche ich, Finanzierungen aufzutun, um auch die Mitgliedsbeiträge aufzuheben. Wenn die Mitgliedschaft in einer Institution wie dem Künstlerhaus nicht mehr auf finanziellen, sondern auf anderen Beiträgen beruht: Wie wirkt sich das auf die Mitglieder und ihre Zahl aus?


AB: Spielt dabei das Thema Migration eine Rolle?

AY: In den nächsten Ausstellungen nicht explizit, aber viele der gezeigten Arbeiten reflektieren die öffentlichen Debatten zu diesem Thema.


AB: Zeitgenössische Kunst steht im Ruf, schwer verständlich zu sein. Richten sich die Ausstellungen im Künstlerhaus vornehmlich an Insider?

AY: Meine Arbeit basiert natürlich auf Theorien, aber bin überzeugt, dass eine gute Ausstellung neue Werte, Diskussionen und Gedanken schaffen kann – und zwar bei jedem Betrachter. Meine Mutter, mein Yoga-Lehrer und mein Partner haben ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen, aber sie fühlen sich doch gleichermaßen einbezogen in diese Diskussionen – genauso wie Künstler und Kunstkritiker. Ich bin allerdings kein Populist. Blockbuster-Ausstellungen reizen mich nicht.


AB: Was erwartet die Besucher bei der kommenden Ausstellung im Künstlerhaus?

Unsere nächste Ausstellung eröffnet am Mittwoch, 20. April. Wir starten mit einer neuen Reihe, die „Künstlerische Dialoge“ heißt. Dahinter verbergen sich jeweils zwei Einzelprojekte, die zur selben Zeit im Künstlerhaus gezeigt werden. Den Anfang machen Şener Özmen, ein kurdischer Künstler aus Diyarbakır im 2. Stock und Nevin Aladağ aus Berlin im 4. Stock.


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