Wie geht’s dir, Stuttgart?
/ Stuttgart, how are you doing?
Michael Birchall, Regina Fasshauer und Adnan Yildiz
Vor 33 Jahren gründeten Stuttgarter KünstlerInnen das Künstlerhaus Stuttgart als unabhängigen offenen Kunstraum. Im Laufe der Zeit hat sich das Künstlerhaus zu einer der profiliertesten experimentellen Plattformen in Deutschland entwickelt, vor allem in Hinblick auf die kuratorische Forschung und die konzeptionelle Vielfalt der über die Jahre präsentierten künstlerischen Beiträge. Die KuratorInnen Adnan Yildiz, Michael Birchall und Regina Fasshauer, waren daran interessiert, jenen künstlerischen Antrieb und kuratorisch-experimentellen Ansatz nachzuvollziehen, die jeweils zu Gründung und Fortbestand des Künstlerhauses beigetragen haben und essentielle Teile seines historischen Erbes und seiner Identität bilden. Die Ausstellung untersucht künstlerische Positionen, die über den lokalen Kontext hinausweisend Perspektiven auf globale Fragestellungen entwickeln.
Mit der Frage „Wie geht’s dir, Stuttgart?” will die Ausstellung einen reflexiven Dialog mit KünstlerInnen in Gang setzen. Atelierbesuche, Recherchen im Künstlerhaus-Archiv wie auch ein Open Call dienten als Ausgangspunkte für die Entstehung ganz neuer Arbeiten oder für die Einbeziehung bereits bestehender Werke. Das Ergebnis des Recherche-Prozesses ist eine deutliche Tendenz der künstlerischen Positionen hin zu kritischen Perspektiven auf aktuelle soziale bzw. gesellschaftspolitische Agenden.
So setzen sich Sylvia Winkler und Stephan Köperl in ihrem Projekt „Stiefkind ZOB“ mit dem neuen zentralen Omnibusbahnhof auseinander, der an die Peripherie der Stadt verdrängt wurde – zusammen mit einem marginalisierten Teil der Bevölkerung, der diesen Bahnhof nutzt. Der Omnibusbahnhof wird bei Winkler/Köperl zu einer ikonischen Bühne und macht deutlich, wie öffentlicher Raum von neo-liberaler Politik kontrolliert und verändert wird. Die Diskussionen um das umstrittene Bahnprojekt „Stuttgart 21“ spiegeln sich wider in den eindrucksvollen Zeichnungen von Dan Perjovschi. Unter dem Titel „Die Stuttgart 21 Edition“ (2011) entstand in Kooperation mit dem Württembergischen Kunstverein und der Siebdruckwerkstatt des Künstlerhaus Stuttgart eine limitierte Edition. Die Siebdrucke werden während der Ausstellung erhältlich sein.
Stuttgarts Geschichte technologischer Entwicklungen, Ingenieurskunst, Wissenschaft und die neue politische Landschaft bilden die Grundlage für die aktuellste Installation von Hagen Betzwieser und Sue Corke. The Sun Dies Anyway” (2011) behandelt auf ironische Art und Weise das Thema Solarenergie und liefert gleichzeitig einen Beitrag zur aktuellen Energiedebatte: die Arbeit besteht aus einem im Ausstellungsraum installierten Solarium, das mittels Solarkollektoren gespeist wird und es BesucherInnen ermöglicht, sich während ihres Ausstellungsbesuches bräunen zu lassen. Die aktuellen Diskussionen um die Sicherheit und den Ausstieg aus der Atomenergie resultierten in Richtungsänderungen in der internationalen Politik und wirken sich auch auf die politische Landschaft in Baden-Württemberg aus. Anahita Razmis Fotografie „Miss Atomic Bomb“ (2011) bezieht sich auf eine Serie von Propagandafotos, die die amerikanische Regierung in den 1950er Jahren genutzt hat, um ihr Atomprogramm mittels „Erotik“ zu propagieren. Die Arbeit vermittelt etwas von der Absurdität unserer Gesellschaft und bezieht sich auf die iranischen Wurzeln der Künstlerin. Die Entwicklungen in der iranischen Atompolitik sorgen für Besorgnis in der internationalen Gemeinschaft. Dennoch scheint sich unser Bedürfnis nach Energie kaum zu verringern. In der Arbeit „China Girl“ (2009) bildet Razmi das ikonenhafte Bild einer Frau ab, das oft auf Testbildern im TV zu sehen ist.
Die in Stuttgart lebende türkische Künstlerin Ülkü Süngün zeigt zwei Fotografien aus ihrer Serie „transitional objects“ (2011), die man in der Türkei und in Deutschland erwerben kann. Ihre experimentellen Aufbauten konstruiert sie aus gefundenen Objekten (ready mades). Ihre Bilder erzählen Geschichten über weibliche Identitäten und deren kritische Wahrnehmung im häuslichen Raum.
Der Ausgangspunkt der Siebdrucke (2007-2011) von Claude Horstmann sind gefundene Notizen – von Unbekannten verlorene oder fallengelassene Zettel, die die Künstlerin in unterschiedlichen Städten gefunden hat: in Stuttgart, Marseille oder Paris. Die anonymen Aufschriebe können aus einfachen Auflistungen, präzisen Stichworten oder auch aus Prosa bestehen. Unter Beibehaltung ihrer jeweils spezifischen Besonderheiten verarbeitet Claude Horstmann die Fundstücke zu Siebdrucken. In Form von Postern reproduziert können sie von BesucherInnen mitgenommen werden und ihren Weg zurück in den öffentlichen Raum finden.
Diese Beziehung zur Struktur des Lebens in der Stadt findet sich auch in den Arbeiten von Erik Sturm. Der Künstler verfolgt einen konzeptionellen Ansatz und richtet seinen Fokus auf das kulturelle Erbe der Stadt, indem er untersucht, was auf ihren Oberflächen beworben wird. In seiner Arbeit „Speckring“ (2009) setzt er sich mit Plakaten auseinander, die über Jahrzehnte hinweg auf Litfaßsäulen in Stuttgart aufgeklebt wurden und verwandelt sie in skulpturale Objekte. Das Interesse Sturms liegt auf dem, was von der Stadtkultur (visuell) übrig bleibt und wie auch durch Werbeplakate ein Portrait davon entstehen kann, wie sich über einen längeren Zeitraum hinweg das Alltagsleben an öffentlichen Orten verändert.
Bora Tanay verwandelt Bilder des Alltagslebens in ein Postkartenformat. „From Stuttgart with Love" (2011) ist sowohl Kritik als auch Hommage an die Nachkriegsarchitektur Stuttgarts. Bora Tanays Ansichtskarten bieten eine einzigartige Perspektive auf die Stadt, mit der wir eng verbunden sind - gleichzeitig dürfen wir die Karten mitnehmen und die Bilderwelt weiter verteilen.
Simone Rueß, Stipendiatin des Graduiertenstipendiums des Landes Baden-Württemberg, untersucht die Topografie der Stadt und transformiert ihre Forschungsergebnisse aus dem Stadtarchiv und der Stadtbücherei in organische Zeichnungen – „S-Talkessel 2“ (2008). Sie selber beschreibt die Form der Zeichnung als „Insektenflügel, die sich von Stuttgart nach Bad Cannstatt mehrere Male wiederholen“. Diese topografische Annährung an die Stadtstruktur setzt sich in den Arbeiten der chinesischen Künstlerin Chen Wang fort. Nachdem sie 2009 nach Stuttgart gezogen war, spazierte sie jeden Tag durch die Straßen der Stadt, um sich die neue Umgebung vertraut zu machen. Die Arbeit „Tag für Tag“ (2010) entstand über einen Zeitraum von mehreren Monaten und ist ein Spiegel ihrer selbst. Eine Reflexion über ihre Umgebung, Erfahrungen und Gedanken. Wang selbst beschreibt ihre Arbeit als „verschlungen und wirr, wie ein Text, wie eine Stadt“.
In Florian Klettes Arbeiten finden Ritual und ein Interesse am Performativen zusammen. In seinen Videoarbeiten reflektiert er die Verbindung zwischen seinem eigenen Körper und dem natürlichen Rhythmus unserer Existenz. In „How to fight loneliness“ (2008) sieht man über dem Kopf des Künstlers eine Plastiktüte mit einer skizzenhaften Zeichnung eines Gesichts. Dem Rhythmus seines Atems folgend entfaltet sich die Tüte und zieht sich wieder zusammen. „Formen hoher Nutzbarkeit/how to build a box around ones head” (2007) zeigt die letzten sieben von zahlreichen Versuchen Klettes, einen Kasten um seinen Kopf herum zu bauen. In der Audioarbeit “365 x 3 - Was es heißt, ein Archiv zu führen“ (2008-09) wird der Versuch präsentiert, wie der Künstler diszipliniert ein Jahr lang jeden Morgen nach dem Aufwachen einen bestimmten Ton singt und sich bemüht, exakt den Ton des Vortages zu treffen, ohne sich diesen erneut angehört zu haben.
Der Performance-Künstler Byung Chul Kim lädt ein zu einer „3 Minuten Performance”. Die Teilnehmer sollen eine Performance vorführen, die sich inhaltlich auf die Stadt Stuttgart bzw. die Themen, die die Einwohner beschäftigen, bezieht. Die Bühne als Ort der Performer wird während der gesamten Ausstellungsdauer sowohl zum Proben als auch während der eigentlichen Aufführung zu sehen sein. Jeder ist eingeladen, teilzunehmen; Anmeldungen werden bis zum 29. Juni 2011 angenommen. Als alleiniger Juror vergibt Byung Chul Kim drei Preise an die Gewinner: zwei Tickets für eine Fahrt im „Performance Express” in das Museum Centre Pompidou Metz; eine Auswahl von Künstlerhaus-Publikationen und eine Kiste „Stuttgarter Hofbräu”. Jeder Teilnehmer erhält drei Euro Preisgeld – einen Euro pro Minute, deutlich mehr als bei Ein-Euro-Jobs, die Arbeitslose in Deutschland annehmen müssen.
Die Filderbahnfreunde Möhringen (FFM) haben die Möglichkeit genutzt in Stuttgarts russische Partnerstadt Samara zu reisen, um sich durch die Zusammenarbeit mit Samaras kleinsten Kunstraum mit Fragen wie Netzwerken, Funding und unabhängigen Ausstellungsräumen auseinanderzusetzen. Ihr Werk basiert darauf, lebendige Portraits von Personen aus dem Kunst-Kontext zu entwickeln; ihre ironische Sprache spielt mit der Rolle des Künstlers und dem Wert von Kunstwerken. Die Installation "mehr brauchen wir nicht ” (2011) im 4. Stock des Künstlerhaus bezieht sich auf den Projektraum in Samara - einen Ausstellungsraum in einer öffentlichen Toilette.
Innerhalb der Kunstszene Stuttgarts ist das Künstlerhaus Teil einer größeren Gemeinschaft kultureller Institutionen. Wichtiger Bestandteil dieser Ausstellung ist die „Künstlerhaus besucht” - Reihe. Geplant sind Interventionen in das künstlerische Programm Stuttgarter Projekträume sowie Diskussionen, die sich mit der Geschichte und Dynamik künstlerischer Praktiken in Stuttgart und der Region auseinandersetzen. Es ist ein wichtiges Anliegen des Künstlerhaus Stuttgart unabhängige Ausstellungsräume zu unterstützen und sein Publikum auf diese Orte aufmerksam zu machen. Teilnehmende Projekträume sind Hermes und der Pfau, Oberwelt e.V., Self Service Open Art Space, Kunstverein Wagenhallen sowie der neu eröffnete Raum10m2.
Ausführliche Informationen zum Programm finden Sie auf unserer Website.