„Alles aus Anfang"/"Back to First Position" / Nevin Aladag

„Alles auf Anfang"


„Alles aus Anfang"/"Back to First Position"

Als eine Beobachterin der Kulturen untersucht die in Berlin lebende Nevin Aladağ menschliche Umgebungen und entwickelt nicht-narrative Geschichten, konzeptionelle Interaktionen und performative Interventionen. Nevin Aladağ interessiert sich für die Bedingungen des Zusammenlebens, das Teilen von Räumen, musikalischen Elementen und Ritualen, die Menschen verbinden.
Aladağ wuchs in Stuttgart auf, bevor sie mit Anfang 20 nach München zog, um ihr Studium an der dortigen Kunstakademie zu beginnen. Ihre erste große Einzelausstellung in ihrer Heimatstadt Stuttgart ist eine Ansammlung von Ideen, die dorthin zurückführen, wo sie ursprünglich entstanden sind oder ihre Wurzeln haben – so verspricht es der Ausstellungstitel, der bereits 2007 eine von Aladağs Installationen betitelt hatte, die damals in der Berlinischen Galerie in Berlin gezeigt wurde.

Diese Arbeit hat Aladağ nun für die architektonische Struktur des Künstlerhaus Stuttgart überarbeitet; sie beinhaltet Motorrad-Rückspiegel, auf denen Zitate aus verschiedenen deutschen und englischen Liedtexten eingraviert sind. Die Installation gleicht einem dynamischen Weg durch den Ausstellungsraum und verbindet die physische Erfahrung des Autofahrens mit dem Hören dieser Lieder.

In Aladağ’s Video-Arbeit „Lowrider Bellydance" (2004) spielen zwei Buben mit Autos. Begleitet durch orientalische Musik könnten die Autos direkt mit Bauchtänzerinnen assoziiert werden. Ein Spielzeugauto wird für Jungen meist als Identifikations-Instrument betrachtet, um die eigene Männlichkeit auszuloten. In diesem Video übernehmen nun die Spielzeugautos das Macho-Gehabe, um das eigene Territorium zu markieren. Die Musik rekonstruiert diesen Code der Geschlechter und wirft einen ironischen Blick darauf, wie Geschlechterrollen innerhalb der Gesellschaft reproduziert werden.
Indem sie formale Aspekte eines gewöhnlichen Basketballplatzes mit verschiedenen Teppichmustern kombiniert, erzeugt Nevin Aladağ einen weiteren konzeptionellen Zusammenprall zwischen verschiedenen Kosmologien der Kulturen. „Pattern Matching" (2010) ist eine Collage aus Elementen verschiedener orientalischer Teppiche - das archetypische kommerzielle Produkt aus dem Mittleren Osten – sowie Linien und Mustern eines Basketballfeldes - einer nordamerikanische Erfindung und eine der bekanntesten Sportarten, die aus den USA exportiert wurde.

Für die Video-Installation „Hochparterre [Mezzanine]" (2009) sprach Aladağ mit den Bewohnern der Naunynstraße aus Berlin Kreuzberg. Das Ergebnis ist ein überarbeitetes Video, in dem man die vielen Stimmen der Bewohner hört, allerdings nicht von ihnen selbst gesprochen, sondern als Playback-Stimmen, nachgesprochen von einer Schauspielerin, die durch ein Fenster blickt. Als eine Collage aus öffentlichen Äußerungen oder Kurzgeschichten, bildet das Video eine konzeptionelle Basis für die Entwicklung eines kollektiven und poetischen Texts über die Stadt, ihre verborgene Geschichte und ihre unterbewusste Erinnerung.
Als erster Teil einer Serie von Videoarbeiten, ist „City Language I" (2009) eine Art audio-visuelle Postkarte, die die Stadt Istanbul als einen Klangteppich aus Musikinstrumenten, Wind, Wasser, der Architektur und aus Taubengegurre einfängt. Als orchestrale Collage aus verschiedenen Klangmustern traditioneller Instrumente und der experimentellen Erfassung des Klangs urbaner Realität in Istanbul, portraitiert die Arbeit die Körperlichkeit des Lebens in der Stadt.

„Voice over"(2006) zeigt eine Trommel in einem Park während eines Winterregens. Das fotografische Bild ist ein Fragment, das nicht nur ein Bild, sondern auch die Repräsentation eines Klangs darstellt. Betrachtet man, wie die Regentropfen auf die Trommel fallen, kann man ihren Klang förmlich hören.
Eine weitere Installation, die lautlos Musik erklingen lässt, wurde für diese Ausstellung reproduziert: „Ein bisschen Rock ’n’ Roll" (2001/2007). Verschiedene Objekte, wie man sie nach einer Party finden kann - eine zerbrochene Discokugel, eine alte Gitarre und getragene Strumpfhosen - ergeben das Sinnbild von Rock 'n' Roll.

Die Außeninstallation „Neulich" an der Fassade des Künstlerhauses wurde nach Istanbul, Berlin und Nizza ebenfalls für „Alles auf Anfang“ reproduziert - dieses Mal jedoch mit einem direkten Bezug zu Stuttgarts sozio-ökonomischem Profil. Die Lage des Künstlerhauses in Stuttgart-West und seine benachbarte Umgebung aus Büros, Banken und einer Wirtschaftsschule sowie die Geschichte des Hauses als einstige Kofferfabrik einbeziehend, kommuniziert „Neulich" direkt mit dem umliegenden Außenraum. Durch direkte Referenzen wie einen maßgeschneiderten Anzug mit Hemd, Krawatte und Schuhen, der kopfüber aus einem Fenster des Künstlerhauses hängt, tritt die Arbeit als eine Skulptur im öffentlichen Raum in einen Dialog mit der Stadt, als ein ironisches Monument des Risikos und Misserfolgs.

In einem intensiven Dialog mit dem Team im Künstlerhaus Stuttgart, mehreren Recherche-Aufenthalten in Stuttgart und in der Zusammenarbeit mit Adnan Yildiz, dem Künstlerischen Leiter des Künstlerhauses, hat Aladağ den Produktionsprozess ihrer Einzelausstellung „Alles auf Anfang" als Möglichkeit genutzt, eine monographische Perspektive auf ihre künstlerische Praxis zu entwickeln. Die Auswahl einzelner Werke, die Art ihrer Reproduktion und Installation zielten darauf ab, wesentliche Spuren und signifikante Richtungen ihrer Arbeit zu beschreiben.

Aladağ definiert den Ausstellungsraum als Atelier, in dem sie ihre konzeptuellen Experimente mit verschiedenen Materialien fortsetzen kann; Ihre poetische Sprache und der dokumentarische Wert ihrer Arbeiten sind in dieser Ausstellung einzigartig miteinander kombiniert, um das Publikum dazu einzuladen, die Arbeiten im Kontext jener Stadt zu betrachten, in der sie entstanden sind.



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