Die Geschichte von Sener Özmen / The Story of Sener Özmen
Die Arbeiten des in Diyarbakir lebenden kurdischen Künstlers Şener Özmen sind von der geopolitischen Realität Südanatoliens geprägt. Sie sind nicht nur als offene Kritik an staatlicher Gewalt und einem militaristischen Regime zu verstehen, sondern auch als loses Tagebuch der Fantasie und des Widerstands. Özmens Videoarbeiten sowie seine literarischen und fotografischen Werke handeln von der Problematik, ausgehend von der Peripherie eine kritische Position gegen eine zentralisierte Macht einzunehmen. Er beteiligt sich aktiv an politischen Diskussionen und engagiert sich für künstlerische Kooperationen. Ebenso setzt er sich durch eigene Texte und Übersetzungen dafür ein, dass die Kurdische Sprache, die in der Türkei starken Restriktionen unterliegt, Eingang in die türkische Literatur und Kunst findet.
Seine Zusammenarbeit mit Erkan Özgen für das Video „The Road to Tate“ (2003) sowie mit Cengiz Tekin für „The Meeting or Bonjour Monsieur Courbet" (2004) erfuhren internationale Anerkennung für ihre besondere Form der Video-Sprache, die das Verständnis für künstlerische Forschung und Produktion einer Generation von (Video-)Konzeptkünstlern aus einer spezifischen Region reflektiert.
Ein Forschungsaufenthalt von Adnan Yildiz, des Kurators dieser Ausstellung, in Diyarbakir sowie regelmäßige Gespräche zwischen Yildiz und Şener Özmen kreisten um die Frage, wie Özmens frühe Werke, die zuvor in unterschiedlichen Kontexten gezeigt wurden, so überarbeitet oder abgeändert werden könnten, dass sie in einer Einzelausstellung in Stuttgart sowohl den Kontext der Stadt als auch die Architektur des Künstlerhauses berücksichtigten.
Manchmal erscheint Özmen in seiner eigenen Arbeit als ein Anti-Held, der mit Konstruktionen aus verschiedenen Genren und Stilen spielt, was oft dazu führt, dass er sich diese Konstruktionen aneignet und zu seinen eigenen Statements macht.
Die Fotoserie aus dem Jahr 2003 mit dem Titel „Supermuslim" ist als Rekonstruktion einer bereits existierenden Arbeit in Form einer Tapete in den Raum intergriert. Als muslimischer „Superman" betet Özmen, als würde er einer Anleitung folgen, die muslimischen Kindern das richtige Beten lehrt. Aus einer Perspektive nach dem 11. September 2001 heraus wird der kritische Wandel politischer Identitäten und der Post-Politisierung religiöser Konflikte in Form einer vereinheitlichten fiktionalen Identität verhandelt: wer ist schon gleichzeitig „Superheld” und „Muslim”?
Während der Entwicklung der Ausstellung bot sich die Möglichkeit, eine weitere von Özmens älteren Arbeiten in einen aktuellen Kontext zu stellen. Sein Künstlerbuch „The Story of Tracey Emin" aus dem Jahr 2000 wird von Edition Taube, einem Stuttgarter Verlag für Künstlerbücher überarbeitet und neu herausgegeben. Das Buch basiert auf einer Kurzgeschichte über die Figur Abdülbaki, die Tracey Emin entführen will. Es beinhaltet Illustrationen, Notizen und Bilder und fügt sich zu einem fiktiven Tagebuch zusammen. Özmens Arbeit „aus der Peripherie heraus“ ermöglicht es ihm, eine humorvolle Sprache über die Zentralisierung der zeitgenössischen Kunst und ihrer Funktion als „Ruhmes-Industrie“ zu entwickeln.
Im zweiten Stockwerk des Künstlerhaus Stuttgart wird das Publikum mit einer Videoarbeit in einer Black-Box-Konstruktion konfrontiert. „Unser Dorf" aus dem Jahr 2004 zeigt zwei junge Mädchen, die Playback zu einem kurdischen Lied singen. In dem Lied wird ein Dorf in der Nähe des Bingöl-Gebirges in Südanatolien beschrieben. Das „Musikvideo” beginnt zunächst heiter und lädt den Betrachter durch die Untertitel ein, mitzusingen. Im Laufe des Films erlebt der Betrachter die Jahreszeiten am Bingöl-Gebirge und erhält einen Eindruck sozialer Wirklichkeit, dem nichts Heiters mehr anhaftet.
Um die Video-Box herum befinden sich aktuelle Fotoarbeiten von Özmen, jedes Bild basiert auf unterschiedlichen Assoziationen und Referenzen: „Catharsis" reinterpretiert Heraklits berühmten Satz: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen": eine Verhöhnung von GAP (Güneydoğu Anadolu Projesi), dem aktuell größten regionalen und Milliarden Dollar teuren Entwicklungsprojekt in Südostanatolien.
„The Flag" ironisiert die Zeremonie des Flagge-Hissens als ein Ritual, das Nacken-Versteifungen verursacht. „Seyhmus und Ilhan" evoziert die Neugier darauf, wie groß die Intimität zwischen zwei Männern sein kann. In allen Fotografien gelingt es Özmen, offen Kritik zu üben und diese gleichzeitig in einen narrativen Rahmen zu überführen.
"The Story of Şener Özmen / Die Geschichte von Şener Özmen" präsentiert außerdem eine Gemeinschaftsarbeit von Şener Özmen und Cengiz Tekin, eine Reihe von Videoarbeiten in vier Teilen mit dem Titel „The Original Message": Hope, View, Bravo, und One Day a "T" and a "K"(2006-09). Gewidmet der Situationistischen Tradition und auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verweisend, operieren diese vier Videos mit verschiedenen Effekten und technischen Formaten als autobiografische Bruchstücke experimenteller Erzählungen.
Nach 21 Jahren künstlerischer Arbeit und politischen Widerstands ist „The Story of Şener Özmen" die erste Einzelausstellung des kurdischen Künstlers. Die Ausstellung bringt neuere Werke mit früheren Arbeiten zusammen, mit dem Ziel, die konzeptuelle Haltung und ironische Sprache Şener Özmens mit der Diskussion über die Repräsentation aktueller Politik zu verbinden.