
David Blandy, Child of the Atom, 2010
Die Arbeiten des in London lebenden Künstlers David Blandy bestehen aus Videos, Performances und Comic-Zeichnungen, die seine zwiespältige Beziehung zur Popkultur widerspiegeln, wobei das spannungsvolle Verhältnis zwischen Realität und Fiktion im Alltag besonders hervorgehoben wird. Seine Arbeit basiert darauf, persönliche Referenzen von Schallplatten, aus Film und Fernsehen in Meta-Erzählungen umzuwandeln, die sich mit Fragen zu seiner kulturellen Positionierung als Künstler beschäftigen. David Blandys erste umfassende Einzelausstellung “Child of the Atom“ verwandelt den 2. Stock des Künstlerhaus in ein Filmtheater und zeigt eine Auswahl seiner Videoarbeiten. Die zentrale Installation präsentiert eine Auswahl von fünf Videoarbeiten, die in einer Endlosschleife gezeigt werden. Die Videos werden als spezifisches Programm präsentiert, das einen Rückblick auf die wesentlichen Schritte der künstlerischen Laufbahn von David Blandy bietet und seine Herangehensweise an die filmische Sprache vorstellen soll.
Das erste Video “Enter the Barefoot Lone Pilgrim: Origins” (2006) verbindet reale Lebenserfahrungen Blandys mit seinen virtuellen Abenteuern und verwischt die Unterscheidung zwischen künstlerischer Authentizität und populärem Mythos. Im orangefarbenen Gewand eines buddhistischen Shaolin-Mönchs, einen tragbaren Plattenspieler in der Hand, war der Lone Pilgrim Einsiedler in einem Park aus dem 18. Jahrhundert in Surrey, ging auf einen Road Trip durch die USA und suchte in New York nach Plätzen, die in Soul Songs beschrieben werden. Seit 2004 hat David Blandy eine Reihe von Film-Performances produziert, in denen er eher für die Kamera als für das Publikum performt.
In "Samurai Story Parts I & II" (2008) versucht der Barefoot Lone Pilgrim Aspekte des Hagakure (Ehrenkodex der Samurai inmitten einer englischen Nachbildung eines japanischen Teegartens zu leben. In der Arbeit “The White & Black Minstrel Show” (2007) singt Blandy playback zu Syl Johnsons Underground-Soul-Klassiker ‘Is it because I’m Black’. Gefilmt in einem riesigen Art-Déco-Kino, mutet die Aufführung an wie eine Varietée-Schau mit einem falschen Minnesänger/ Clown/ Sänger/ Darstellung des Todes, der gefühlvolles Jaulen und Aufschreien mit seinem Luftgitarrenspiel auf einem Plastikstock mischt. Als ein dämlicher weißer Kerl, der ernsthaft versucht, schwarzen Soul zu verkörpern, hinterfragt Blandy die Ansprüche an und die emotionale Bindung zu einem fremden kulturellen Erbe.
In "Crossroads" (2009) taucht der „weiße und schwarze“ Musiker wieder auf, diesmal als eine Erscheinung während Blandys Mission durch das ländliche Mississippi – eine Suche nach jemanden, der annährend die Fähigkeit hat, so Gitarre zu spielen wie der legendäre Blues-Musiker Robert Johnson, eine Suche nach dessen Seele. David Blandy entwickelte das Video nach seinen Recherchen zu dem Mythos, der Robert Johnson umgibt – ein Künstler, dem drei Grabsteine gewidmet sind, der 29 Songs aufgenommen hat und von dem nur zwei Fotografien existieren. Eine Person wandert durch die Landschaft, sehnt sich nach authentischem Blues, spielt klischeehafte Bilder der Popkultur nach; er hört Gitarrenspiel auf Veranden zu, wandert staubige Straßen entlang, er stößt auf Kreuzungen. Das Video ist auch ein Portrait des Mississippi-Deltas, eine Gegend, in der die Rassentrennung zwar offiziell abgeschafft ist, die aber dennoch nach wie vor tief gespalten ist.
Anknüpfend an die jüngsten Diskussionen um die atomare Energieerzeugung in Deutschland, zeigt das Künstlerhaus Stuttgart mit dem Film „Child of the Atom“ (2010) die neueste Arbeit von David Blandy als Teil einer Präsentation weiterer ausgewählter Videos.
In einem Gespräch über „Child of the Atom“ sagt David Blandy: „Es gibt einen Mythos in unserer Familie, der besagt, dass mein Großvater die japanische Kriegsgefangenschaft nicht überlebt hätte, wäre die Atombombe über Hiroshima nicht abgeworfen worden. So könnte man argumentieren, dass ich meine Existenz einem der schrecklichsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte und dem Tod von 110.000 Menschen zu verdanken habe.“ Die überlieferte Familiengeschichte über David Blandys Großvater, der ab 1942 Kriegsgefangener in Malaysia und Taiwan war, ist der Ursprung der Arbeit “Child of the Atom”. Aus einem tiefliegenden Schuldgefühl über seine eigene Existenz und die seiner Tochter heraus, dokumentiert Blandys Film ihren gemeinsamen Besuch in Hiroshima, wo er konkret aber auch symbolisch nach den gemeinsamen Wurzeln sucht. In der Ausstellung gibt es eine kostenlose Edition von Postern mit einer Collage von Zeichnungen David Blandys.
Die Arbeit "Duels und Dualities: Battle of the Soul (Arcade Game)" (2011) ist ein 2D-Computerspiel mit fiktiven Figuren aus Blandys bisherigen Arbeiten, das in der Ausstellung im Künstlerhaus auf einem Spielautomaten interaktiv erlebt werden kann. Der Betrachter kann zwischen unterschiedlichen Spielfiguren und Kampfgegnern wählen: es gibt eine ganze Reihe an Alter Egos David Blandys, wie z.B. den Barefoot Lone Pilgrim, den Orochi Pilgrim, den weißen und schwarzen Musiker, das allmächtige Child of the Atom sowie David Blandy selbst, der nur über einen schwachen und eine starken Faustschlag verfügt. Teil der Ausstellung ist außerdem eine „Design-Vitrine“, in der verschiedene Formen der künstlerischen Forschung und Produktion aus David Blandys Arbeiten präsentiert werden Cartoons, Publikationen, Objekte und Notizen sowie Ephemera.
Die Ausstellung "Child of the Atom" umfasst sämtliche konzeptionellen Fragestellungen, die im Zentrum von David Blandys Werk stehen. In diesen Arbeiten verarbeitet Blandy seine Teenager-Obsessionen und nutzt sie als Mittel, um zu analysieren, wie viel von seiner Identität als Erwachsener durch die in den Massenmedien gefundenen Symbole und Ideen konstruiert wurde.